Ein idealer Einstieg in autobiografisches Schreiben - Achtung: seine eigenen Geschichten aufzuschreiben kann süchtig machen ...
Immer wieder werde ich auf diesem Blog Bücher vorstellen und besprechen, die zum Verfassen eigener Texte inspirieren. Und ich musste keine Minute überlegen, wie ich hier einsteige: Das Buch ‚Leben Schreiben Atmen Eine Einladung zum Schreiben‘ von Doris Dörrie habe ich 2019 von meiner besten Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen. Das war ein Volltreffer: In nur wenigen Tagen habe ich sämtliche vorgeschlagenen Übungen und Dutzende von Seiten gefüllt. Gleich zu Beginn: Die kreativen Anleitungen, die die bekannte Autorin und Regisseurin hier gibt, funktionieren! Und sie machen so richtig Spaß! Es war schwer aufzuhören.
Zum Beispiel das Thema Lesen in der Kindheit. Erinnern Sie sich an Ihre liebsten Kinderbücher? ‚Pippi Langstrumpf‘ von Astrid Lindgren vielleicht? Oder ‚Räuber Hotzenplotz‘ von Ottfried Preußler? Bei mir war es ‚Der kleine Virgil‘ von dem wunderbaren dänischen Kinderbuchautor und Illustrator Ole Lund Kirkegaard, der viel zu jung verstorben ist und heute in seinen Büchern weiterlebt. Wie konnte ich diese wunderbare Geschichte über einen ganz besonderen Jungen nur so viele Jahre vergessen? Ein Dutzend Mal Minimum habe ich als Kind dieses Buch gelesen. Ich habe es gesucht, nicht mehr gefunden, neu bestellt, in kürzester Zeit verschlungen und war genauso begeistert wie damals. Gleichzeitig habe ich alle Kinderbücher von Ole Lund Kirkegaard bestellt, die ich finden konnte. Meine weiteren Lieblinge heißen ‚Gummitarzan‘, ‚Orla Froschfresser‘ und ‚Otto ist ein Nashorn.‘ Sie stehen jetzt im Regal in der Reihe der Lieblingsbücher – Dank der Lektüre von Doris Dörrie.
Und so geht es weiter im Text mit Erinnerungen an Essen oder Kleidung in der Kindheit, das Elternhaus, die erste Liebe, beste FreundInnen oder Musik. Andere Kapitel und damit einhergehende Aufgaben thematisieren Sucht, Alleinsein, Yoga, Medizin und vieles mehr. Die Anregungen für die LeserInnen zum autobiografischen Schreiben stehen immer am Schluss. Zuvor erzählt die Autorin ganz offen, oft witzig, manchmal traurig, aber immer authentisch aus ihrem eigenen Leben. Diese Kombination funktioniert hier bestens. Und immer wieder die Aufforderung JETZT mit dem Schreiben zu beginnen und nicht erst in einer Stunde, am nächsten Morgen, am Wochenende – vielleicht – wenn das Wetter nicht so gut ist und zum Ausflug einlädt …
Hier ein Auszug aus der grandiosen Einleitung: „Schreibend erinnere ich mich an mich selbst. Was ist in meinem Gehirn an Bildern und Tönen gespeichert, was für Erinnerungen an Menschen, Orte, Tiere, Gefühle? Jeder von uns ist einzigartig. Niemand hat genau die gleichen Erinnerungen an dieselbe Begebenheit. Das ist doch verrückt! Unglaublich.“ (S. 10, Hardcover, Diogenes Verlag 2019)
Die Botschaft ist klar: Wir alle haben Kostbares erlebt, können Vergessenes aus unserem Leben wieder hervorholen, können uns Mut machen, Ängste und Unsicherheiten schreibend bekämpfen, eine frühe Liebe oder eine Begegnung mit einem ganz besonderen Menschen wieder aufleben lassen, unsere Verluste beweinen und unsere großen und kleine Siege feiern. Dazu brauchen wir nicht mehr als einen Stift und Papier oder einen Laptop. Einfach loslegen, ohne zu lange nachzudenken, die Gedanken fließen lassen, in vergangene Zeiten reisen und sich selbst und sein eigenes Leben noch besser kennenleren. Es lohnt sich.
„Wir sind alle Geschichtenerzähler. Vielleicht macht uns das zu Menschen.“ (S. 9 , Hardcover, Diogenes Verlag 2019)Wie wahr!
Mein Fazit: Für alle, die gerne mit dem Schreiben anfangen möchten, und es immer wieder herauszögern, ist dieses Werk ein idealer Einstieg.
Bei mir hat es von den ersten Seiten an gefunkt, ja ein Feuerwerk ausgelöst. Ich habe über 40 Seiten geschrieben bei der Lektüre und jede einzelne gestellte Aufgabe genossen. Diese Aufzeichnungen sind ein Schatz, auf den ich immer wieder zurückgreifen kann. Zum Beispiel gab es da einen Freund während der Studienzeit, an den ich mich bei der Arbeit mit dem Buch auf einmal nach langen Jahren wieder erinnert habe. Er tauchte dann in einer Erzählung von mir in ganz neuer Form wieder auf. Ich hatte vergessen, wie originell dieser Typ war!






