Großartiges Buch über Individualismus, Rebellion gegen Anpassung und die Sehnsucht nach Freiheit
Heute möchte ich Ihnen/Euch ein grandioses Stück Kurzprosa empfehlen: ‚Die Einsamkeit des Langstreckenläufers‘ von Alan Sillitoe.
Das Buch, 1959 in London veröffentlicht und gleich darauf mit einem renommierten britischen Literaturpreis geehrt, ist weltweit bekannt. Ja es gilt als ‚moderner Klassiker‘, wurde verfilmt und war, – laut Klappentext des deutschen Taschenbuch – u.a. prägend für den Politiker und Läufer Joschka Fischer.
Und das hat einen guten Grund: Dieses schmale Band ist mehr als eine spannende Geschichte über einen jungen, intelligenten Rebellen, der in einem ‚Borstal‘, einem ehemaligen, streng geführten, englischen Jugendgefängnis, gelandet ist nach einer Straftat. Der Direktor der Anstalt fördert das Lauftalent des 17-jährigen Colin Smith, der frühmorgens alleine über die Felder zu seiner Fünf Meilen-Runde startet. Er darf raus mit einem Läuferpassierschein ohne die Aufsicht eines Wächters, weil er für den Direktor den Pokal eines Rennens holen soll. Die Beschreibung wie er mit leerem Magen um 5 Uhr morgens auf frostigen Boden steht in kurzer Hose und Hemd mit vor Kälte roten Armen, habe ich nie vergessen. Hier ein Auszug:
„Manchmal denk ich, ich bin noch nie so frei gewesen wie in den beiden Stunden, wenn ich den Weg draußen vor den Toren langtrotte und bei der laublosen, breitbauchigen Eiche am Ende des Heckenwegs wende. Alles ist tot, aber gut, weil’s tot ist, bevor’s lebendig wird, und nicht tot ist, nachdem es lebendig war … Wohlgemerkt, zuerst bin ich oft wie starr vor Kälte. Hände und Füße und den Körper spür ich überhaupt nicht, als wäre ich ein Geist, der gar nicht weiß, dass die Erde unter ihm ist, wenn er sie nicht ab und zu durch den Nebel sehen würde … Aber auch wenn einige Leute den Schmerz von der Kälte als Marter bezeichnen würden, wenn sie ihrer Mama was davon schreiben, bezeichne ich ihn nicht so, weil ich weiß, dass ich in einer halben Stunde warm bin, dass der Zeitpunkt, wo ich auf die Hauptstraße komme und bei der Bushaltestelle auf den Weg am Weizenfeld lang einbiege, so heiß bin wie ein dickbauchiger Ofen und so beschwingt wie ein Hund mit einer Blechbüchse am Schwanz.“ (Seite. 12/13 Taschenbuchausgabe Diogenes 1975)
Das Buch ist in Ich-Form geschrieben und ein innerer Monolog. Beim Laufen denkt Colin Smith über sein Leben nach. Er erinnert sich an den Diebstahl, der ihn in dieses Gefängnis gebracht hat, analysiert seine aktuelle Lage und seine Zukunft. Er kann gar nicht anders als zu denken und genau das macht ihn unabhängig und stark.
Wie wird der Borstal-Preispokal mit Langstreckengeländelauf ausgehen? Schnell ist Smith soviel steht fest …
Ich kann nur wiederholen: Diese Lektüre lohnt sich! Sie macht nachdenklich und führt zu kritischer Selbstreflexion. Es geht um die Freiheit des Einzelnen, Anpassungszwänge, und wie wir damit umgehen, Individualismus … Das sind aktuelle Themen damals wie heute.
Ich habe dieses Buch in meiner Jugendzeit zum ersten Mal gelesen und niemals vergessen. Damals bin ich regelmäßig um einen See in der Nähe gelaufen – auch im Winter – und habe mir vorgestellt, wie kalt es erst dem Ich-Erzähler Colin Smith gewesen sein muss.






